MINUS MAL MINUS

Einige Menschen fragen mich tatsächlich: „Waren Sie schon immer so klein?“
(Erwachsene, nichtbehinderte Menschen.)
Ich denke, diese Frage ist die Schwester von: „Saßen Sie schon immer im Rollstuhl?“ Letzteres macht noch etwas mehr Sinn. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Frage damit angemessener oder für Fremde überhaupt relevant sei.
Wenn ich jedenfalls gefragt werde, ob ich denn schon immer so klein gewesen wäre, dann antworte ich: Nein, natürlich nicht! Ich war früher noch viel kleiner!
„Echt jetzt? NOCH kleiner?“
Ja, winzig, unvorstellbar klein, gaaaaaaaanz ganz ganz klein, mikroskopischer-Zellhaufen-klein.
„Warum?“ (Auch eine beliebte Frage, allerdings eher von Kindern.)


Als meine Eltern mich zeugten, so erzählten sie es mir vor langer, langer Zeit, da erbte ich die schlechten Gene meiner Mutter und dann noch – das war dann wirklich zu viel – die schlechten Gene meines Vaters. Eins von beidem wäre ja noch gut gegangen, aber zweimal schlecht ist halt echt schlecht. Als vorbildliche Schülerin versicherte ich mich bei meinen Eltern nochmal genauer: In der Mathematik ergibt Minus mal Minus Plus – hier etwa nicht?
„Nein, das hier ist Biologie“, lautete die Antwort meiner Eltern.
Tatsächlich verstand ich damals, was sie mir zu sagen versuchten, denn wir nahmen in Bio gerade Genetik durch. Ich lernte, wie die Doppelstruktur unseres DNA-Strangs sich zusammensetzt. Obwohl mein Vater und meine Mutter großwüchsig geraten sind, bin ich es nicht. Irgendwo in ihren schlechten Genen war das spezifische Gen für meine überdurchschnittlich kleine Körpergröße versteckt, jeweils auf nur einem elterlichen DNA-Strang. Äußerlich bei beiden unsichtbar. Für die Streberinnen und Streber: Das Gen ist passiv-rezessiv. Das heißt, nur wenn ich es auf beiden DNA-Strängen vorweisen kann, kommt es auch zur Ausprägung (zumindest bei meiner Form von Kleinwuchs).


„Oh, dann war Ihre Behinderung ein Unfall? Quasi ein genetischer Unfall?!“
– Nein.


ZUFALL.
Das wollten mir meine Eltern eigentlich nur sagen. Logik der Genetik. Sie meinten es gut, haben nur schlechte Worte dafür gefunden – oder, besser gesagt, selbst mit auf den Weg bekommen. Denn meine Eltern haben sich diese Erklärung nicht selbst ausgedacht, sondern aus ihren unzähligen Gesprächen mit Ärzt*innen irgendwann übernommen. Aus der Perspektive der Medizin bedeutet mein Körper eine Diagnose, eine (Erb-)Krankheit oder auch, sehr klangvoll und ästhetisch: ein Krankheitsbild.
Ich will kein Bild einer Kranken sein. Doch ich persönlich würde auch nicht so weit gehen und die Narration so verschieben, dass ich den genetischen Jackpot geknackt hätte. Man könnte natürlich durchaus so argumentieren, denn, komm schon, wie hoch waren die Chancen?
Was genau habe ich da gewonnen? Was ist der Preis?


Was machte es mit mir als Kind, mit einer negativ behafteten Zeugungsgeschichte aufzuwachsen? Ist das dann der Ursprung meiner Welt? Bin ich aus schlechten Genen entstanden? Soll das der Anfang meiner Story sein?


Glücklicherweise hatten meine Eltern häufiger gute als schlechte Worte auf Lager. Die Perfektion wäre noch gewesen, wenn sie nur ihre eigenen Gene beleidigt hätten und nicht meine. Ja, ja, schon klar, Gene, die eine körperliche Beeinträchtigung zur Folge haben, zum Beispiel eine schiefe Wirbelsäule wie bei mir, haben Nachteile wie Operationen und Schmerzen. Das will ich gar nicht beschönigen. Als Jugendliche hätte es mir in Momenten, in denen mein Rücken Faxen machte, auch nicht besser getan, wenn meine Eltern mir erzählt hätten: „Du hast ganz tolle Gene. Dein Körper ist perfekt.“ – Sicherlich nicht.


Aber schlechte Gene – das klingt so absolut. Und ich bin ja ein Fan von genauen Angaben und Zahlen: Also, von wie viel Schlechtem reden wir hier eigentlich? Ist es eher ein schlechtes Gen oder mehrere? Welches Ausmaß haben sie? Vielleicht so 10% meines Genmaterials oder 100? Wie viel wäre das umgerechnet in Körpermasse? Sind eher 3 oder 30 Kilo meines Gewichts schlecht? Wie prägt sich das Schlechte aus? Kann das bis ins Gehirn gehen und sich in schlechte Gedanken verwandeln? Und was zum Teufel soll schlecht überhaupt heißen? Schlecht im Sinne von böse? Verfault? Misslungen? Minderwertig? Falsch?

Ist diese Präzision zu genau? Zu absurd? Zu wahr oder zu schmerzlich?Ich habe die Worte „minderwertig, falsch, usw.“ bewusst gewählt, obwohl sie verletzend sind und ich sie hier ungern wiederhole. All die negativen Bewertungen von Behinderungen haben eine historische Verknüpfung, eine lange und schlechte ¹ Schlecht im Sinne von weitreichenden, negativen, (für mich) schädlichen Folgen – ich will ja schließlich präzise bleiben. Tradition – bis heute. Sei es mein Arzt, der von schlechten Genen, Defekten und Kranksein spricht, oder der Katholik, der meine Behinderung als Aufgabe oder wahlweise auch Strafe Gottes erklärt. Diese Tradition zeigt sich jedes Mal, wenn in Gesprächen unter Eltern von einer behinderten Tochter und einer normalen Tochter gesprochen wird und die Kinder dabeistehen. Oder, wenn zwischen einem normalwüchsigen und einem kleinwüchsigen Sohn unterschieden wird.
Kinder sind sehr genau. Sie hören den Vergleich und die versteckte Bewertung heraus.


Als Erwachsene bin ich noch genauer. Und ich bin es mir wert, eine präzise Sprache zu wählen und einzufordern – nicht nur in Bezug auf Behinderung, sondern grundsätzlich.