OWN YOUR BODY

Hinweis: Der folgende Text enthält explizite Beschreibungen von Operationserfahrungen und körperlichen Eingriffen, die bei Leser*innen möglicherweise eigene Erlebnisse triggern könnten.


Im Alter von 2 bis 13 Jahren wurde ich 7 Mal operiert. Aufgeschlitzt, umgebaut und wieder zusammengeflickt. Das soll gar nicht gruselig klingen. Es war zu meinem Besten. Und ich weiß nicht einmal, ob ich 7 Operationen viel finde oder nicht. Es ist meine Zahl. Andere müssen häufiger, andere seltener oder nie unter’s Messer. Aber es war sicherlich auch kein Anlass zur Vorfreude. Jedes Mal, wenn ich im Untersuchungszimmer meines Orthopäden war und er den nächsten Eingriff für nötig hielt, schwieg ich, nickte und weinte dabei. Auf dem kompletten Weg nach Hause würden meine Tränen nicht aufhören zu fließen. Aber ich wusste, es muss sein.


Die allerletzte OP war mit 13 und relativ aufwendig. Genau genommen bestand sie aus drei Operationen, aber weil sie einen Klinikaufenthalt am Stück umfasste, habe ich das Ganze in meiner Erinnerung irgendwie immer als eine Station abgespeichert.
Im ersten Teil wurden mir vier Schrauben in den Schädel gebohrt, ein Eisenring drumherum befestigt, inkl. Drahtseilen, um vom Kopf aus meinen Oberkörper zu strecken. Denn meine Wirbelsäule war schiefer, als es mir gut tat, und nahm Platz in meinem Körper weg, Platz, den Organe gut gebrauchen könnten. Also war es das Ziel, sie etwas gerader zu ziehen. Dazu wurden im zweiten Teil fast alle meine Bandscheiben entfernt, woraufhin die Wirbelsäule so richtig elastisch wurde. Ich stellte mir kurzzeitig vor, wie der Gummimann-Superheld aus dem Fantastic Four Comic zu sein. Aber dann machte der Orthopäde meinen Rücken wieder schön stabil, baute anstelle der Bandscheiben ein paar kleingehackte Stückchen einer meiner überflüssigen Rippen ein, einige Metallplättchen und Schrauben dazwischen – fertig. Wie neu.


Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu meinem Körper. Ich spüre ein extrem ausgeprägtes Parallel-Bewusstsein über die tiefe Verletzlichkeit auf der einen Seite und die überwältigende Stärke auf der anderen. Verständlicherweise bin ich manchmal sauer auf meinen Körper, wenn er nicht so will, wie ich oder er mir Schwierigkeiten bereitet, wie eben dass er all die Operationen und Schmerzen verursacht. Aber gleichzeitig bin ich wahnsinnig stolz auf ihn und begeistert, was er alles (wegstecken) kann. ¹ So geht es mir auch fast jedes Mal, wenn ich menstruiere und es mir nicht in den Kram passt. Dann nervt mich mein Körper. Und das ganze Blut finde ich dann einfach nur unnötig. Es sieht immer so dramatisch aus. Erinnert mich an Unfälle, Krankenhaus, Verletzungen. Ich wünschte, Menstruationsblut hätte eine andere, unbelastete Farbe und ich hätte es nicht so häufig damit zu tun. Besonders irritierend finde ich das bisschen Schmierblutung am Ende der Periode. Dann erinnert mich die Slipeinlage an einen blutigen Verband oder ein Pflaster, als hätte ich mir irgendwo die Vulva gestoßen und sie würde deswegen jetzt bluten. Kopfkino...


Wenn ich als Kind oder Jugendliche wieder aus der Klinik entlassen wurde, war das Schlimmste vorüber. Ich dachte kurze Zeit danach schon nicht mehr an die Operationen und widmete mich meinen akuten Teenieproblemen wie der Wahl meiner Lidschattenfarben und der Frage, unter welchem Motto ich meine nächste Geburtstagsparty steigen lassen würde.
Doch nun stand die größte Arbeit für mich an: meinen Körper zurückzugewinnen. Schon damals sprach ich das so deutlich aus, aber ich dachte, dieses Zurückgewinnen bestünde nur aus dem physischen Heilungsprozess. Ich wählte Formulierungen wie „Es dauert immer, bis ich meinem Körper nach einer OP wieder vertrauen kann“ und meinte dabei ausschließlich meine Wirbelsäule, also dass es dauerte, bis ich wüsste, ob alle Schrauben und Nähte hielten und ich wieder so belastbar und leistungsfähig war wie zuvor.
Ich hatte Glück, die Narben verheilten schnell, mein Körper steckte alles ohne Komplikationen weg und nahm die operativen Umbauten ruckzuck an; ich wurde stärker, eigenständiger als zuvor. Das Vertrauen in die Gesundheit und Stabilität meines Körpers erlangte ich recht schnell wieder.
Als Erwachsene weiß ich mittlerweile, dass es sich um einen anderen Verlust von Vertrauen handelte: das Vertrauen, dass an meinem Körper keine ungewollten Eingriffe mehr vorgenommen würden.

Damit meine ich auch all die Eingriffe, die über Nadel und Skalpell hinausgehen und ihre unsichtbaren Spuren hinterlassen: jede Untersuchung eines Arztes, jede (medizinisch bedingte) Berührung auf meiner Haut und auch jedes gut gemeinte aber unangenehme Getätscheltwerden von Ärzten und Pflegepersonal, während alles schmerzte. Die Blicke einer ganzen Gruppe von Mediziner*innen auf meinen nackten Körper bei der Visite. Jedes grobe Anfassen und Drücken. Es gibt fast keine Körperstelle, die ausgespart wurde und die keine Spuren trägt. ² Selbstverständlich waren die Operationen für mich notwendig. Doch war es auch jeder einzelne Eingriff und in der ganz konkret vorgenommenen Art und Weise? Ich denke: In der Medizin (und vielen anderen Bereichen) muss darüber gesprochen werden, welche Folgen jede Behandlung eines Körpers hat, das heißt, jede unangekündigte Berührung, jede nicht ausreichend erklärte Untersuchung, jedes noch so gut gemeinte Tätscheln. Wie können Patient﹡innen möglichst selbst bestimmen, wie ihr Körper behandelt wird? Wie können sie über Zeitpunkt oder Reihenfolge von Untersuchungen (mit)entscheiden? Können sie einzelne Untersuchungsschritte selbst durchführen? Wie können Patient﹡innen in einer aktiven Betätigung und somit selbstbestimmten Rolle bleiben? Und welche Möglichkeiten gibt es nach Eingriffen, um den Körper wieder aktiv und in der eigenen Kontrolle zu spüren?

Manchmal musste es nicht einmal direkter Körperkontakt sein, der mich traf. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Situation beim Röntgen: Ich sollte wegen der Metallbügel meinen BH ausziehen, durfte aber mein T-Shirt anbehalten, wofür ich sehr dankbar war. Als ich mich auf das Podest stellte und in die Vorrichtung begab, um meine Wirbelsäule röntgen zu lassen, sagte eine Mitarbeiterin zu mir: „Wieso trägst du überhaupt einen BH, deine Brüste stehen doch wie eine eins. Die sind so schön klein und spitz.“
Sie hatte mich und meine Brüste offensichtlich genau betrachtet. Ich konnte damals keine Worte dafür finden, wie unangenehm mir das war. Ich wollte vor Scham im Boden versinken und weinen. Doch ich sagte und tat nichts. Widerstand und Selbstschutz hätten mich Kraft gekostet, die ich in diesem Moment nicht hatte. Außerdem war ich eine vorbildliche Patientin und ein tapferes Mädchen (wie man mir zu oft sagte). Dazu gehörte eben auch, nicht zu widersprechen. Nach diesem Röntgenbild fühlte ich mich jedenfalls nicht einmal mehr angezogen sicher.


Im Prinzip war ich während eines Klinikaufenthalts der permanenten Angst ausgesetzt, dass mit mir und meinem Körper etwas gemacht wird, das ich nicht will. Und normalerweise lernen Menschen, sich in solchen Situationen zu schützen. Wahrscheinlich muss das nicht einmal beigebracht werden, denn dieser natürliche Mechanismus steckt in allen. Wenn uns jemand gegen den eigenen Willen zu nah kommt, dann reagieren wir instinktiv und weichen aus. Ich denke allerdings, wir können diesen Selbstschutz teilweise verlernen.
Um die medizinisch bedingten Eingriffe an meinem Körper zulassen zu können, musste ich trainieren, meinen Körper hinzuhalten, statt wegzuziehen, auch wenn mir dabei Schmerz zugefügt wurde. Ich wusste immerhin, wieso die Eingriffe notwendig waren und dass sie sich langfristig lohnen würden. Es handelte sich also keinesfalls um körperliche Gewalt, bei der die Handlung auf Schaden und Machtausnutzung abzielt. Es sind in meinem Fall nur bedingt die behandelnden Mediziner*innen, die meinem Vertrauen geschadet haben. Sie haben mir zwar Schmerzen zugefügt, doch ich fiel ihnen nicht zum Opfer, sie hatten meine Einwilligung.
In etwas einzuwilligen, das ich nicht will, ist jedoch kompliziert. Ich wollte keinen Eingriff in meinen Körper. Ich wusste nur, dass er wichtig war und erlaubte ihn daher. So wie anfangs beschrieben: Ich nickte ab. Aber ich weinte. Ich stimmte Ungewolltem zu. Ich schützte mich nicht. Ich ergriff nicht die Flucht. Ich übergab meinen Körper der Gefahr, dem Schmerz, der Handlung gegen meinen Willen. Statt die Gefahrensituation zu verlassen, musste ich meinen Körper, mich selbst sozusagen im Stich lassen. Die Person, die mein Vertrauen und Gefühl von Sicherheit hintergangen hat, war auch ich selbst.


Auch heute noch spüre ich manchmal eine große Unsicherheit oder Angst, meinem Gefühl und meiner Körperwahrnehmung zu vertrauen. Nachdem ich so geübt darin war, Dinge zuzulassen, die ich nicht wollte, verlernte ich, auf mein Gefühl zu hören. Ich hatte gelernt, die Verbindung zu meinem Körper vorübergehend zu kappen.
Deutlich wurde mir das, als ich anfing zu daten und es mir schwerfiel, körperliche Nähe zuzulassen. Es fiel mir auch schwer, den Männern, die ich traf, zu vertrauen. Vor allem aber, mir selbst zu vertrauen – dass ich in der Lage sein würde, auf mich aufzupassen. Mich vor Ungewolltem zu schützen. Genau nachzuspüren, ob mir eine Berührung gefällt oder nicht. Und ich muss bis heute feststellen: Das ist gar nicht so leicht!
Ich war glücklicherweise schon in meinem Zwanzigern und hatte Freundinnen, die sich mittlerweile alle absolut einig waren, mit ihren Körpern nur das zu tun, was sie auch selbst wollten. Aber das war nicht immer so. Wir konnten uns auch über viele Erinnerungen austauschen, in denen das nicht so klar war. Ich spreche dabei nicht von sexuellen Übergriffen (wobei es auch hier geteilte Erfahrungen gibt). Ich meine Momente, in denen ich und andere Frauen uns überwinden etwas zu tun oder etwas mit uns machen zu lassen, auch, wenn unangenehme Gefühle beteiligt sind.


Obwohl ich es falsch finde, verfalle ich selbst immer wieder dem Druck, überwiegend männliche Fantasien erfüllen, Männer nicht verunsichern, ihnen Ablehnung ersparen oder gar wütende Reaktionen vermeiden zu wollen. Ich erinnere mich an eine Situation beim Sex mit einem Mann, der zunächst anfing, mit seinen Händen durch meine Haare zu fahren und meinen Kopf angenehm berührte. Irgendwann hielt er meine Haare in einem festen Griff und begann, Zug auszuüben. Er tat mir nicht direkt weh, aber es gefiel mir nicht. Dennoch verharrte ich in dieser Situation eine ganze Weile und konnte den Gedanken nicht beiseiteschieben, dass er es offenbar genoss und ich ihm nicht den Spaß verderben wollte. Gefühlt verging viel zu viel Zeit, bis ich es schaffte, endlich meine Stimme zu benutzen. Dabei kamen nur sehr vorsichtige und leise Worte aus mir heraus, die in einem starken Kontrast zu seinem groben, festen Griff standen: „Ich glaube, ich mag das nicht, wenn du an meinen Haaren ziehst.“ Ich glaubte das nicht nur, ich war mir sicher. Und die toughe kritische Stimme in mir verurteilte mich für diese zaghaften Worte.
Er ließ meine Haare daraufhin sofort los, ließ mich allerdings mit seinem „Schade!“ auch direkt wissen, was er davon hielt. Nicht gerade die Bestärkung in meiner Selbstfürsorge – oder auch einfach der Respekt vor mir, meinem Körper und meinem Empfinden, den ich mir von Sexualpartner*innen erhoffe.
Es geht mir bei diesem Beispiel nicht um das Haareziehen selbst (manche mögen das gerne oder zumindest mit bestimmten Personen, denen sie vertrauen). Es ist ein Beispiel dafür, dass ich in einem körperlich nahen Moment schnell spürte, dass ich etwas nicht wollte, und es mich dennoch Überwindung kostete, das auszusprechen und zu unterbinden.


Ich denke, hier liegt ein DOUBLE TROUBLE vor: Etwas tendenziell über mich ergehen zu lassen, habe ich als Frau und als Frau mit Behinderung doppelt gut gelernt. Und das ist abgefuckt.


Doch wer bereits einige Texte auf dieser Website gelesen hat weiß, dass auf DOUBLE TROUBLE oft auch doppelte Leistung und Kompetenzen folgen. Wie schaffte ich es also, die starke Verbindung zu meinem Körper wiederzufinden, die ich heute habe?


OWN YOUR BODY BEFORE YOU SHARE IT


Bei mir persönlich liegen die Klinikerfahrungen glücklicherweise lange Zeit zurück. Ich muss nur noch selten Dinge über mich ergehen lassen, die ich nicht will. Es gibt immer noch Momente, die ich nicht wirklich über mich ergehen lassen möchte und in denen ich meinen Körper in Gefahr sehe, zum Beispiel bei allgemeinmedizinischen oder gynäkologischen Untersuchungen. In der Regel nehme ich die Situation möglichst bewusst wahr und weiß immerhin, wie mir geschieht. Leicht ist es trotzdem nicht. Aber ich werde immer besser darin, mit meinem Körper in engem Kontakt zu bleiben.


In den letzten zehn Jahren haben die unterschiedlichsten Aktivitäten mein Körperbewusstsein gestärkt: Sportkurse, Theaterworkshops, Tanzen und Feiern gehen, im Bett rumliegen, Masturbieren und, laaaaange Zeit später: Dating (vom spannenden Blicke- Zuwerfen über mutige Gespräche, bis zu leidenschaftlichem Sex). Ich selbst habe für mich herausgefunden, dass nicht alles zu jeder Zeit und mit jeder Person gleich viel Spaß macht. Deswegen ist es extrem wichtig, in jedem Moment genau wahrzunehmen, ob ich etwas genieße oder nicht (das gilt für Sex genauso wie für Sport- oder Theaterkurse). Was ich wann wie erleben will, ist allein meine Entscheidung.


Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich die Erfahrungen mit meinem Körper und den Operationen teilen will. Meine Befürchtung ist, dass Leser*innen vor allem den schmerzlichen Teil dieses Textes mit meinem behinderten Körper verbinden. Ich kann leider nicht verhindern, dass manche das tun werden.
Mit der Mehrheit der Leser*innen hoffe ich allerdings, mein echtes Körpergefühl zu teilen. Ich habe anfangs mein extremes Parallel-Bewusstsein für Verletzlichkeit und Stärke erwähnt. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Und ähnlich verhält es sich mit der Selbstbewertung meines Körpers: Mein Gefühl von Schönheit und Stolz gegenüber meinem Körper fußt auch auf einer Hässlichkeit von Ereignissen und Narben. Schönheit besteht für mich einerseits aus einer ästhetischen Oberfläche und andererseits aus einer tiefgehenden Geschichte von guten Verbindungen. Ich finde, mein Körper hat vieles verdammt gut gemacht. Es ist gar nicht so leicht, es exakt in Worte zu bringen, aber wenn ich meinen Körper ansehe oder berühre, dann freue ich mich.