KÖRPERANGST

Ängste machen mir Angst. Meine eigenen und die anderer. Deswegen fühlt es sich manchmal besser an, sie nicht genauer anzuschauen. Vielleicht verschwinden sie ja alle wieder von selbst?
Aktuell beschäftigen mich zwei gruselige Angelegenheiten, die mir an zwei aufeinanderfolgenden Tagen quasi ins Gesicht gesprungen sind. Jetzt kann ich sie nicht mehr ignorieren, genauso wenig wie die Parallelen zwischen ihnen.


Am ersten der beiden Tage habe ich in einem Theaterstück erfahren, dass Menschen Angst vor Vulven haben (ehrlich gesagt, hatte ich da schon so eine Vorahnung). Einen Tag später hörte ich eine Tiefenpsychologin sagen, dass Menschen Angst vor Körperbehinderungen haben.
Puh. Doppelt beknackt, denn ich bin stolze Besitzerin von beidem: Vulva und Behinderung. Und die beiden angsteinflößenden Thesen passen mir gerade ganz und gar nicht. Schließlich will ich mich verlieben, geliebt und begehrt werden.
Zur Beruhigung: Mit meiner Vulva und allen anderen Teilen meines Körpers ist alles in bester Ordnung, sie duften super und sind weich. Ich frage mich also: woher die Angst (vor mir)?


FIRST TROUBLE: die Angst vor (m)einer Vulva.

In einem Theaterstück habe ich mir letztens überdimensionale Nahaufnahmen von Vulven ansehen dürfen. ¹ Ich beziehe mich auf die Theaterperformance HEXPLOITATION (2020) von She She Pop im HAU Hebbel am Ufer Theater Berlin - sehr empfehlenswert und heilsam. Es war sehr wohltuend. Zumindest rückblickend gesehen. Denn ganz am Anfang des Stücks, als die erste Performerin ihre Vulva mit der Videokamera filmte und sie in Übergröße auf der Leinwand projizierte, wirkte sie durchaus bedrohlich auf mich. Die dunkelrosa Haut: Irgendwie sah man ihr an, dass sie nicht viel Zeit an der frischen Luft verbringen darf. Die Haut wirkte irgendwie leicht gerötet, gereizt. War sie wütend?
Ich freute mich über die schwarzen Vulvahaare, die mir dennoch einen freien Blick in das sanft gefaltete Gebilde aus kleinen und großen Vulvalippen erlaubten.


Ich weiß nicht, wie es auf Leser*innen wirkt, wenn ich hier so frei eine Vulva beschreibe. Vielleicht sind sie so irritiert, wie ich es bei der Theaterperformance war. Ich spürte, dass ich mich noch nie so richtig getraut hatte, andere Vulven in Ruhe anzusehen. (Ich werde das Wort Vulva übrigens so oft verwenden, wie nur möglich, denn ich weiß noch gar nicht so lange, dass das die adäquate Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsorgan ist und ich merke, wie schwer es mir fällt, mir all die alten oder ungenauen Namen abzugewöhnen). Wo war ich stehen geblieben? Vulva, Vulva, Vulva, Vulven! Wir sehen sie nicht oft genug an! Sie haben keine Augen, aber wir tun so, als wären sie kleine, versteckte, fürchterliche Monster in der Hose einer Frau.

In der Zeit von Hexenverfolgungen gab es zum Beispiel „die Theorie, dass Hexen ‚Hautwucherungen, versteckte Warzen oder Zitzen‘ hätten, an denen der Teufel oder seine Kumpanen saugen konnten.“ (Liv Strömquist 2017: Der Ursprung der Welt, S. 18). Auf dieser Grundlage wurden Frauen an ihren Genitalien untersucht und öffentlich zur Schau gestellt. „Während einer Gerichtsverhandlung gegen die ‚Hexen von Lancashire‘ im Jahr 1634 fand man beinahe bei jeder zweiten Angeklagten verschiedene Teufelsmale an ihren ‚heimlichen Stellen‘.“ (ebd., S.19) Doch man kam offenbar nicht auf die Idee, die häufigen Wucherungen oder einfach unterschiedlichen Vulvaformen als schlichtweg normal anzusehen, natürlich, das wäre ja unheimlich absurd gewesen. Und ich könnte fast darüber lachen, wenn es Jahrhunderte später, in unserer heutigen Zeit, keine Phänomene wie Schönheits-OPs zur Verkleinerung von Vulvalippen gäbe. ² Mehr zum Thema Vulvalippen-Verkleinerungen findet sich ebenfalls bei Liv Strömquist.

Die Sorge, dass die eigene Vulva als abnormal oder hässlich empfunden werden könnte, mein Unwohlsein bei der Betrachtung einer Vulva im Theater oder meine tägliche Scham als Jugendliche, meine Vulva würde unangenehm riechen, weshalb ich mir Slipeinlagen mit Tonnen von Duftstoffen kaufte – all das sind Ängste.


Unsere Furcht vor Vulven beruht also auf fehlendem Wissen und falschen Darstellungen, die insbesondere Männer angefertigt und verbreitet haben und die in der Folge auch von Frauen über Jahrhunderte verinnerlicht wurden. Falls manche den Mythen gegenüber resistent geblieben sind oder sie schon überwunden haben, finde ich das super. Ich denke, es braucht einiges an Zeit für die Auseinandersetzung und eine fröhliche Erkundung der Vulva und Vagina, bis wir uns so richtig wohl fühlen.


Zusammengefasst:
Viele haben Angst vor Vulven, weil wir ihnen zu wenig Zeit und einen aufrichtigen Blick widmen, um echtes Wissen zu erlangen, eine unbeschwerte Verbundenheit zu schaffen und Unsicherheiten aufzulösen.


DOUBLE TROUBLE: die Angst vor (m)einer Körperbehinderung.


Viele haben Angst vor Vulven behinderten Körpern, weil wir ihnen zu wenig Zeit und einen aufrichtigen Blick widmen, um echtes Wissen zu erlangen, eine unbeschwerte Verbundenheit zu schaffen und Unsicherheiten aufzulösen.


Achtung Wiederholung. Die Ängste vor Vulven und behinderten Körpern passen ja wie die Faust auf’s Auge und damit schmerzlich genau. Genau das dachte ich mir, als ich eine Tiefenpsychologin sagen hörte, dass die (meisten) Menschen eine Angst vor behinderten Körpern verspüren. Eine Art Angst vor dem Unbekannten. Sie befindet sich meist im Unterbewusstsein und kann in der Regel gar nicht konkret verbalisiert werden. Aber die Angst ist da. Und ich bin verwirrt: Also hatte der Typ, mit dem ich letztens Sex hatte, Angst vor meinem Körper? Ich dachte, er fand meinen Körper geil, schließlich konnte er nach unserer vierstündigen Bekanntschaft wohl kaum meine tolle Persönlichkeit schon kennen und knallen wollen.


Die Psychologin betonte: Ängste könnten vorübergehend verdrängt werden, aber sie sind unterbewusst da. Und sie haben einen Einfluss auf das Dating-Leben behinderter hotter Menschen. Denn in der wilden, schönen Nacht war die Angst vermutlich zeitweise inaktiv. Doch danach hat sich der Mann zunächst nicht von selbst gemeldet und später, auf meine Nachfrage hin, ein „mulmiges Gefühl“ geäußert, wir hätten da vielleicht etwas „überstürzt“.
Überstürzt? Nach vier Stunden Kennenlernzeit, im Bett, nackt, einander einatmend? Überstürzt? Hm.... finde ich das wirklich überstürzt?
Ja klar ist das überstürzt! Das ist ein elementarer Bestandteil von Sex beim ersten Date! Es ist geil, unter anderem weil es überstürzt ist!


Die Tiefenpsychologin diagnostiziert beim nichtbehinderten Mann: klarer Fall von kalten Füßen. Am sexy Abend selbst war er voll dabei, fröhlich, unbedacht und überstürzt, fucking horny und wollte mich spüren. Tage, Wochen danach kommt ein mulmiges Gefühl hoch – vielleicht die Angst vor einer Frau mit Behinderung. Wovor genau? Ist es das Unwissen über meinen Körper? Wie dieser (noch) berührt werden kann? Oder fehlt etwa die Vergleichbarkeit mit anderen, öfter sichtbaren, normierten Körpern? Ist er deswegen unentschlossen, ob mein Körper als schön oder hässlich einzuordnen ist? Oder besteht die Sorge, sich um diesen vermeintlich hilfebedürftigen Körper kümmern zu müssen, einfach weil es das Bild ist, das nach wie vor in den meisten Köpfen vorherrscht? Die Psychologin sagt: Viele Nichtbehinderte glauben immer noch, man dürfe behinderte hotte Menschen nicht einfach so bumsen (ganz so hat sie es nicht gesagt). Und ich zweifle auch daran, dass mein One-Night-Stand seinen anderen, vermutlich nichtbehinderten Liebhaberinnen regelmäßig schreibt: „Sorry, ich glaube wir haben da etwas überstürzt, jetzt habe ich ein mulmiges Gefühl.“


Ähnlich wie die Tabuisierung der Vulva gibt es auch über Menschen mit Behinderung eine Tradition von struktureller Diskriminierung, Mythen und falschen Darstellungen. Ich befürchte, dass es vielen Nichtbehinderten deswegen an Vorstellungsvermögen mangelt, sich kurz- oder langfristige Romanzen mit Lovern mit Behinderung auszumalen. Meinem Eindruck nach gibt es zwar kleine Fortschritte, doch es fehlt immer noch an Sichtbarkeit behinderter Körper in der Gesellschaft, Kunst und Öffentlichkeit. Ich habe immer noch zu viele Erinnerungen an Filme, in denen gruselige Anstalten für Behinderte und andere negative Bilder gezeigt werden. Ich will mehr behinderte Hotties in schönen, wilden, sinnlichen Kontexten (und anderen vielfältigen Rollen) sehen! Weil Bilder, die wir regelmäßig aufnehmen, die Realität gestalten. Die Vorstellung anregen oder einschränken. Wünsche beeinflussen und Ängste schüren.


Klar: Es ist nicht ganz sicher, warum der Typ mich nicht wiedersehen wollte, möglicherweise konnte er schon nach wenigen Stunden meine tolle Persönlichkeit nicht leiden. Darum geht’s hier auch gar nicht, sondern: Früher oder später kommen unbewusste Ängste und Vorurteile hoch und bestimmen unser Verhalten. Es kann daher nicht schaden, wenn wir ihnen genauer nachspüren, darüber sprechen und mit ihnen umgehen lernen. Es ist schwer, alte Ängste komplett aufzulösen. Aber sie werden leichter, wenn wir uns trauen, sie anzusehen. Schau mir und meiner Vulva in die Augen, wir werden dir gefallen. Und das zu sagen, ist keinesfalls überstürzt.
Pfff. Überstürzt.