BITCHPOTENZIAL

Dieser Text ist eine Reise in mein jugendliches Hirn – inklusive einiger Anmerkungen und Korrekturen von mir als Erwachsene.

Früher, ungefähr im Alter von 14 bis 17, habe ich meinen Freundinnen erzählt und selbst geglaubt, dass ich kleinwüchsig geworden bin, damit keine Bitch aus mir wird. Ich dachte damals: Wenn irgendwann mal irgendjemand mit mir schläft, dann meint er ¹ Ich schreibe bewusst nur „er“, weil mein Vorstellungsvermögen als Jugendliche leider nicht ausreichte, um auch andere Geschlechter als potenzielle Partner*innen zu sehen. es ernst. DANN LIEBT ER MICH.

Hoppla. Da ist wirklich etwas schief gelaufen in meinem damaligen Denken – sowohl in Bezug auf mein Frau-Sein als auch in Sachen Behinderung. DOUBLE TROUBLE hoch 4, hier in der Aufschlüsselung:

TROUBLE 1: Ich ging davon aus, eine junge Frau, die mit mehr als einer Person geschlafen hat, sei eine Bitch. Und das sei schlecht. Es dürfte keine neue Info sein, dass Frauen mit wechselnden Sexualpartner*innen in meiner Jugend oft verurteilt wurden (auch schon davor und auch danach noch).

Ich glaubte, Sex mit unterschiedlichen Personen sei nicht gut für mich. Zu viel Sex wahrscheinlich auch nicht. Heute frage ich mich: Kann es je zu viel sein? Und was soll nicht gut sein daran, mit unterschiedlichen Menschen Sex zu haben, voneinander zu lernen, die Einmaligkeit jeder Person und jeder Begegnung auszukosten?

TROUBLE 2: Ich nahm an, meine Behinderung sei ein Schönheitsmakel und nur aus Liebe könnte man darüber hinwegsehen und meinen Körper begehren. Ich schloss also die Möglichkeit aus, dass eine Person mich vernaschen wollen würde, einfach so, ohne es romantisch, langfristig, ernst zu meinen – ohne mich „zu lieben“.

Mittlerweile wurde ich sogar vom drastischen Gegenteil überzeugt: Es gibt Leute, die explizit Körper mit Behinderung flachlegen wollen. Manche aus einer Fetischisierung heraus. Andere, weil sie es als außergewöhnlich empfinden. Menschen, die sich bei der Wahl ihrer Sexualpartner*innen auf das Merkmal Behinderung stürzen, sind mir suspekt. Ich versuche sie zu meiden, denn sie erscheinen mir verbissen. Ich bevorzuge Sexualpartner*innen, die ich wähle und die mich wählen, weil wir uns schön, interessant, anziehend finden. Dabei können mehrere Dimensionen die Entscheidung beeinflussen: körperlich ansprechende Merkmale (z. B. Brüste oder Behinderung), eine sympathische Persönlichkeit oder Langeweile am Sonntagnachmittag – warum nicht?

TROUBLE 3: Ich glaubte an schicksalshafte Bestimmungen in Bezug auf meine Behinderung. Mehrere Katholiken und Katholikinnen hatten mir wiederholt erklärt, meine Behinderung sei eine „Aufgabe“ von Gott. Oder meine Eltern hätten ein Kind mit Behinderung bekommen, weil es eine „Aufgabe“ von Gott sei. Und mir wurde mehrfach geraten, zu beten, damit es besser wird. Da frage ich mich logischerweise: Was genau soll besser werden? Die Aufgabe? Meine Behinderung? Ich möchte den Christ*innen ja nicht unterstellen, dass sie wirklich glauben, durch Beten würde ich von Kleinwuchs auf Höhe eines Basketballkorbs anwachsen. Doch ich unterstelle ihnen, dass die sogenannte „Aufgabe“ eher als eine Art von Strafe gemeint war. Und wer meinen Körper abwertet, den möchte ich auf alle Ewigkeit in einen Basketballkorb stecken lassen oder bis Gott ihm hilft.

Leider haben diese falschen Erzählungen meine Gedanken beeinflusst. Ich glaubte ja selbst, meine Körpergröße sei mir schicksalshaft auferlegt worden. Doch immerhin gelang es mir, die Strafe umzudeuten, als eine Art Belohnung. Denn weil ich ja ohne Behinderung eine Bitch geworden wäre, hatte ich (in meinem damaligen Denken!) sozusagen sogar Glück .

TROUBLE 4: Ich bedachte nicht, dass es mein eigener, junger, weiblicher Wille sein könnte, (noch) keinen Sex zu haben. Meine ganze Denkweise war von Passivität nur so getränkt. „Wenn irgendwann mal irgendjemand mit mir …“ – als wäre es nicht meine eigene Entscheidung und Freiheit. Im Alter von 14 bis 17 interessierte mich Sex. Aber ich wollte keinen haben. Noch lange nicht.

Ich musste damals noch einiges für mich klären.


Die gute Nachricht: Als Erwachsene glaube ich nicht mehr an Schicksal und Bestimmungen. Ich finde Selbstbestimmung geiler – aus mir ist also doch noch eine ordentliche Bitch geworden.